Arbeiten Behörden immer so langsam ...?

Dezember 1946 in einem kleinen Marktflecken im Unterallgäu, kurz vor Weihnachten. Ich war gerade sechs, mein Bruder acht Jahre alt. Er war nicht nur viel größer als ich, sondern auch ziemlich dominant. Immer wusste er alles besser. Deshalb wünschte ich mir sehnlichst ein kleines Schwesterchen, das ich wie eine... mehr anzeigen Dezember 1946 in einem kleinen Marktflecken im Unterallgäu, kurz vor Weihnachten. Ich war gerade sechs, mein Bruder acht Jahre alt. Er war nicht nur viel größer als ich, sondern auch ziemlich dominant. Immer wusste er alles besser. Deshalb wünschte ich mir sehnlichst ein kleines Schwesterchen, das ich wie eine Puppe lieb haben konnte.

Doch mit Wünschen ist es in dieser Nachkriegszeit schlecht bestellt. Der Standardsatz meiner Eltern zu all unseren Kinderträumen lautete stets: "Dazu haben wir kein Geld." Da kam ich auf die geniale Idee, das Schwesterchen mir einfach vom Christkind zu wünschen. Dann musste es klappen! Meine Eltern tauschten einen vielsagenden Blick; dann stellte mein Vater kurz und knapp fest: "Wir haben keinen Bezugsschein. Du weißt doch, dass man für alles einen braucht." Und damit war die Angelegenheit für ihn erledigt. Nicht so für mich. Nachdem die erste Enttäuschung überwunden war, beschloss ich nämlich, nunmehr diese Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen, genauso wie im letzten Sommer das Problem mit dem Turnverein.

Damals wollte ich unbedingt mitturnen, obwohl Kinder nur ab dem sechsten Lebensjahr aufgenommen wurden - und ich war doch erst fünf. Die Eltern hatten versucht, mich auf "nächstes Jahr" zu vertrösten, aber damit war ich ganz und gar nicht einverstanden gewesen. Jetzt wollte ich turnen, jetzt gleich. Also "überfiel" ich den armen Turnlehrer und führte ihm alles vor, was ich an Turnübungen schon konnte: Purzelbaum vor- und rückwärts, einen - zugegeben - recht wackeligen Handstand an die Wand und ein windschiefes Rad...

Als dies aber alles nicht den gewünschten Eindruck auf den gestrengen Herrn machte, gebrauchte ich meine großen Kulleraugen als Waffe, worauf sein Widerstand dahinschmolz wie Butter in der Sonne. Nun durfte ich als jüngstes aktives Mitglied des Vereins mitturnen. Wo es Bezugsscheine gab, wusste ich. Ich hatte schon einmal mit der Mutti einen geholt. Es dauerte damals ziemlich lange, bis aufgrund dieses merkwürdigen Scheines ein paar Schuhe gekauft werden konnten. Darum war in der Angelegenheit mit dem kleinen Schwesterchen absolut keine Zeit mehr zu verlieren, wenn es noch rechtzeitig bis Weihnachten ankommen sollte.

Also ging ich tags darauf nach der Schule ins Rathaus, um das anscheinend unerlässliche Dokument zu besorgen. Geduldig ließ ich mich mit der langen Warteschlange weiterschieben. Endlich war ich an der Reihe. Kaum reichte ich mit der Nasenspitze über den Schalterrand. Die Dame auf der anderen Seite lupfte etwas ihr wohlgepolstertes Hinterteil aus dem Drehsessel, damit sie mich besser beäugen konnte und fragte gönnerhaft: "Ja, Kloine, was willsch nochert du?" Laut und deutlich schmetterte ich förmlich in den Raum: "Ich möchte bitte einen Bezugsschein für ein Baby!"
Wieherndes Gelächter war die Reaktion. Die Schalterdame plumpste auf ihren Stuhl und lachte; lachte, dass ihr die Tränen kamen. Ein Mann neben mir schlug sich ein ums andere Mal auf die Schenkel und röhrte: "Sakra, Sakra! Ja, do legsch die nieder!"

Verständnislos schaute ich in die Runde. Die Erwachsenen waren manchmal schon reichlich komisch. . . Schließlich kramte die Dame ein grünes Formular aus einer Schublade, das sie mir immer noch glucksend überreichte: "Do hosch dein Bezugsschein für a Bäbie." Und der Schenkelklopfer gab mir noch den Rat: "Du, Föhl, gib des aber deim Vattr, sonscht nutzt des fei nix !" Erneutes Gelächter. Aber das hörte ich schon nicht mehr. Überglücklich rannte ich mit dem Bezugsschein - was immer es gewesen sein mag - nach Hause. Trotzdem muss irgendetwas schiefgelaufen sein, denn die Lieferzeit war wirklich ungebührlich lang. Am Weihnachtsabend lag kein Schwesterchen unter dem Christbaum.

Erst zwei Jahre später, sieben Tage nach Weihnachten, konnte der Bezugsschein endlich eingelöst werden. Und dann noch falsch. Statt der beantragten kleinen Schwester kam ein Bruder an - ganz verschrumpelt und ohne Haare! Am liebsten hätte ich ihn umgetauscht. Doch die Hebamme sagte, das ginge leider nicht. Man muss es so nehmen wie es kommt. soll aber besser werden im Laufe der Zeit!

Wie gesagt, irgendetwas war schief gelaufen.
Man weiß ja nie, wie langsam und unzuverlässig die Behörden manchmal arbeiten...
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