In einem halben Jahr kann man Suedamerika schonmal ganz angemessen bereisen. Glueckwunsch. Ich kenne mich dort relativ gut aus, was das Leben und die Mentalitaet betrifft, denn meine Familie hat dort eine Hacienda (in Paraguay), und ich bin viel in Suedamerika gereist.
Was Neuzugaenge in Suedamerika immer wieder ueberrascht, ist der grosse Unterschied zwischen den einzelnen Laendern, speziell deren Mentalitaeten, Atmosphaere, und Lebensweise.
Ich persoenlich bin kein grosser Verfechter des Besuchs offizieller Sehenswuerdigkeiten, es sei denn, sie dienen dazu, den Lebenspuls des Landes besser zu erfuehlen. Am besten erlebt man Suedamerika, indem man sich so einheimisch wie moeglich macht, so wohnt wie die Einheimischen, so isst wie sie, und ihren Lebensrythmus annimmt. Ich kann den ganzen Tag in einem Cafe sitzen und das Leben auf der Plaza an mir vorbeiflanieren sehen, irgendwo in Montevideo, oder Buenos Aires, oder Asuncion; davon habe ich mehr als von irgendeinem Besuch eines Museums voller Kanonen und japanischer Touristen.
Ich koennte hier ein Buch schreiben, also werde ich mich kurz fassen. Ich finde, zu einem richtigen Suedamerika-Aufenthalt gehoeren folgende Dinge:
in Buenos Aires in der Calle Florida rumhaengen, in einem Cafe;
in Montevideo auf den Troedelmaerkten Plunder kaufen, alte Buecher, und sich auf den Felsen an den Ramblas abends im Univiertel raekeln, am Meer, wenn die jungen Leute Fussball spielen und rumknutschen und Musik hoeren;
in Asuncion in einem Hotelpool einweichen (Hotel Portal del Sol ist unser Familienklassiker) und Caipirinhas trinken, und sich abends mit dem Taxi zu irgendeinem Asada Restaurant bringen lassen, dort bis spaet abends bei Harfenklaengen von Musikern unter den Sternen Surubi oder Dorado essen;
die Jesuitenruinen von Misiones besuchen, einzigartige Atmosphaere;
das schlaefrige Landleben irgendwo in Paraguay erleben, wo die Lehmstrassen ziegelrot sind, und die Vegetation saftig gruen, und es im Umkreis von hunderten von Kilometern keine Stadt gibt (ah, die Luft dort... so wuerzig, vor allem, wenn die grossen Baeume bluehen, Lapacho und Quebracho);
skurril mutet die deutschsprachige Stadt Filadelfia im Chaco Boreal an, koennte sich anbieten, dort vorbeizusehen auf dem Weg nach Bolivien;
Chiles landschaftliche Vielfalt ist der Hammer; mir gefaellt es gut in Puerto Montt und anderen Orten in Suedchile, sie wirken ein bisschen wie Neuseeland;
der Kessel von La Paz sieht unglaublich aus, wenn die Strassenlaternen angehen, sollte man mal vom Rand aus sehen;
die Wasserfaelle von Iguacu sind zwar touristisch sehr aktiv, aber wirklich fabelhaft zu sehen;
Brasilien macht suechtig, das Flair ist unvergleichlich, es wuerde mich nicht wundern, wenn Du ihm voellig verfallen wuerdest. Speziell die Kuestenregionen zwischen Rio und bis runter an die uruguayische Grenze sind wundervoll (Florianopolis ist eine besonders angenehme Stadt, finde ich). Minas Gerais und Ouro Preto sind toll, fabelhafte Atmosphaere, und die Hauptstadt Brasilia ist ein tolles, morbides Utopia, das man sich als Architekturfan mal gut ansehen kann.
Na, ich hoffe, das Wichtigste aus meiner Sicht abgedeckt zu haben.
Gruess mir Suedamerika!