Die Frage verwirrt, weil "Menschlichkeit" hier zweierlei bedeuten kann: 1) Zugehörigkeit zur Gattung des Menschen, einer definierbaren Gruppe also, und damit etwas der Nationalität gleichartiges, das diese als Teilmenge in sich birgt. Oder 2) "Menschlichkeit" als ethischer Imperativ, das ein Setting moralischer Verhaltensweisen umfasst.
Im Falle von 1: Konstitutiv für die Identität eines Menschen ist die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Diese kann ihre Eigenheiten nur in Abgrenzung zu dem, was sie nicht ist erfassen und zur Geltung bringen. Die Zugehörigkeit zur Gattung Mensch grenzt einem zwar kulturell vom Tierreich ab, befriedigt das Bedürfnis der Menschen nach innerer Stabilität versprechender Identität aber nur sehr bedingt. Die Abgrenzung von anderen Menschengruppen verleiht dagegen schon mehr äußere Kontur.
Im Falle von 2: Hier müsste man besser Fragen: warum ist Menschen ein starkes Zugehörigkeitsgefühl wichtiger als das Gefühl, menschlich gehandelt zu haben? Weil dann die Verantwortung vermeintlich nicht bei einem selbst liegt, sondern bei der Gruppe, die Schutz und Fürsprache verspricht.
Ethisches Handlen setzt ein großes Maß an psychischer Autonomie und seelischer Stärke voraus, die man schwer von Menschen verlangen kann, die tagtäglich ihre Kapazitäten dafür aufbrauchen "jemand" zu sein, weil die moderne Gesellschaft jedem abverlangt, sich sozusagen täglich zu "patchen", up to date zu sein. Diese Unsicherheit hinsichtlich der eigenen sozialen Identität,der Preis der Freiheit, seit das Geburtsrecht abgeschafft und das Leistungsprinzip eingeführt wurde, wertet die verbliebenen Möglichkeiten der sozialen Verortung auf.
Nationalität und menschliches Handeln müssen natürlich keine Widersprüche sein: eine Nation kann sich ja über bestimmte ethische Werte identifizieren. Aber zur Zeit scheint der soziale Wandel die Fähigkeit zur ethischen Konsensfindung innerhalb der westlichen Nationen, bzw. Gesellschaften zu überfordern. Funktionale Notwendigkeiten (z.B. der Erhalt der ökonomischen Solidargemeinschaft) geraten in Gegensatz zu den kulturellen Werten der Aufklärung (Menschenrechte, etc.). Und dadurch wächst die Intoleranz. Umfassende Sicherheit war schon zu allen Zeiten den Menschen wichtiger als ein gutes Gewissen.